Arbeitsmarkt-Report Hessen: Frauen gelingt es deutlich seltener als Männern aus der Grundsicherung heraus in den Arbeitsmarkt zu gelangen
Zusammenfassung von Miriam Hedtmann
LAG Arbeit fordert mehr statt weniger Qualifikationsangebote für Menschen im SGB II (Grundsicherung) – insbesondere für Frauen
Arbeitsmarkt-Report Hessen, Ausgabe 3. Quartal 2026 – Ein datengestützter Blick auf die Arbeitsmarktentwicklung bei Frauen und Männern in Hessen (AH Q3/2026)
Hier finden Sie den ausführlichen Arbeitsmarkt-Report als PDF
Die Autoren Stefan Feldens und Philipp Fuchs vom Institut für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik (ISG) geben im vorliegenden Bericht zunächst einen Überblick über die allgemeine Entwicklung des Arbeitsmarktes in Hessen. Der besondere Schwerpunkt dieser Ausgabe liegt auf derArbeitsmarktentwicklung bei Frauen und Männern in Hessen. Der Report wird im Auftrag der LAG Arbeit in Hessen verfasst. Die genannten Daten beziehen sich, wenn nicht anders angegeben, auf Hessen. Häufig sind die dargestellten Entwicklungen in ihren Tendenzen nicht hessenspezifisch, sondern auch bundesweit zu beobachten. Im Folgenden fassen wir die aus Sicht der LAG wichtigsten Ergebnisse zusammen:
Frauen sind deutlich häufiger als Männer atypisch beschäftigt – besonders betroffen sind Frauen mit Migrationshintergrund
Frauen machen fast die Hälfte der hessischen Erwerbstätigen aus. Sie sind allerdings deutlich häufiger als Männer atypisch beschäftigt. Unter atypischer Beschäftigung versteht man u.a. Teilzeitstellen mit weniger als 20 Wochenstunden, geringfügig entlohnte und befristete Beschäftigungs- sowie auch Zeit- und Leiharbeitsverhältnisse. 26,8 % aller abhängig beschäftigten Frauen galten in Hessen im Jahr 2025 als atypisch beschäftigt. Bei Männern waren es hingegen nur 10,8 %. Der „Fortschreibung des Hessischen Integrationsmonitor 2024“ kann man für das Jahr 2021 entnehmen, dass 29 % der Frauen ohne Migrationshintergrund und 38 % aller Frauen mit Migrationshintergrund atypisch beschäftigt waren. Bei Männern lagen die entsprechenden Anteilswerte wiederum wesentlich niedriger (mit Migrationshintergrund: 21 %; ohne Migrationshintergrund: 12 %).
Starke Beschäftigungszuwächse bei Frauen ohne deutsche Staatsbürgerschaft
Während der Frauenanteil unter sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit deutscher Staatsangehörigkeit im Dezember 2025 47,3 % betrug, belief er sich unter sv-pflichtig Beschäftigten ohne deutsche Staatsangehörigkeit lediglich auf 40,2 %. Besonders gering war der Frauenanteil mit 20,9 % unter sv-pflichtig Beschäftigten aus den acht Asylherkunftsländern.
Bei der sv-pflichtigen Beschäftigung sind Frauen ohne deutsche Staatsbürgerschaft also deutlich unterrepräsentiert, dennoch sind in den letzten Jahren starke Zuwächse bei der Zahl der Beschäftigten zu beobachten (gegenüber Dezember 2019: +35,9 %). Ausgehend von niedrigen Ausgangsniveaus trifft dies besonders auf Frauen aus den acht Asylherkunftsländern (+134,9 %) sowie aus der Ukraine (+407,9 %) zu, deren absolute Beschäftigtenzahl sich binnen sieben Jahren mehr als verdoppelt bzw. verfünffacht hat. Demgegenüber stagniert das Beschäftigungsniveau bei Frauen mit deutscher Staatsangehörigkeit. (AH Q3/2026, S.8)
Mehr Arbeitslose Frauen und Männer, weniger Förderung in Qualifizierungsmaßnahmen
Obwohl sich der Bestand an Arbeitslosen im SGB II zwischen April 2019 und April 2026 in Hessen von 95.300 Personen auf 134.200 Personen erhöhte (+40,8%), gab es zeitgleich beim Förderbestand einen Rückgang von 27.700 auf 16.000 Fälle (- 42,1 %). Die gegenläufigen Entwicklungen lassen sich in der betrachteten Zeitspanne sowohl bei Frauen als auch bei Männern beobachten. Vor dem Hintergrund des fachkräfteorientierten Arbeitsmarktes und dem niedrigen Qualifikationsniveau vieler Arbeitsloser im SGB II (73 % verfügen nicht über eine abgeschlossene Berufsausbildung) ist dies eine besorgniserregende Entwicklung. Bei vielen Frauen verkompliziert sich die Situation zusätzlich durch Care-Arbeit, ungeklärte Betreuungsprobleme, Alleinerziehenden-Haushaltskonstellationen sowie im Falle einer jüngeren Zuwanderungsgeschichte durch geringe Deutschkenntnisse. (AH Q3/2026, S. 4 und 15f)
Frauen gelingt es deutlich seltener als Männern aus dem Leistungsbezug heraus in den Arbeitsmarkt zu gelangen
Die Integrationsquote setzt die Zahl der Integrationen in den Arbeitsmarkt ins Verhältnis zu erwerbsfähigen Leistungsberechtigten der Grundsicherung (genaue Definition: s. S. 17). Die Integrationsquote lag im April 2026 in Hessen bei 21,9 %, wobei beträchtliche Unterschiede zwischen Frauen (15,8 %) und Männern (28,4 %) vorliegen. Diese – über Jahre hinweg beobachtbare – Geschlechterdisparität zeugt davon, dass Frauen mit ungleich höheren Integrationsbarrieren konfrontiert sind als Männer. (AH Q3/2026, S. 17f)
LAG Arbeit fordert mehr statt weniger Qualifikationsangebote für Menschen im SGB II Leistungsbezug – insbesondere für Frauen
Die LAG Arbeit in Hessen fordert die Bundes- und Landespolitik auf, endlich bei der paradoxen Entwicklung von steigender Arbeitslosigkeit, einem qualifikatorisch anspruchsvoller werdenden Arbeitsmarkt und sinkenden Qualifizierungszahlen gegenzusteuern. Dies gilt für Männer und Frauen. Die allgemeine Verfestigung des Leistungsbezugs bremst den Arbeitsmarktzugang beider Geschlechter. Frauen im SGB II sind darüber hinaus mit Blick auf die niedrige Integrationsquote offensichtlich mit ungleich höheren Integrationsbarrieren konfrontiert als Männer.
Beratungs-, Vermittlungs- und Qualifizierungserwägungen sowie darauf gestützte Integrationsstrategien sind unter Berücksichtigung der individuellen Voraussetzungen und Möglichkeiten von erwerbsfähigen Leistungsbeziehenden anzustellen, wobei bei Frauen insbesondere familiäre Haushaltskonstellationen, Kinderbetreuungssituationen, tradierte Rollenbilder, flexible Zeitmodelle sowie passende Einstiegsstellen mitzudenken sind.