Arbeitsmarkt-Report Hessen: Menschen mit Migrationshintergrund stabilisieren das hessische Beschäftigungssystem. Viele haben aber qualifikationsbedingt zugleich ein erhöhtes Arbeitslosigkeitsrisiko
Zusammenfassung von Miriam Hedtmann
LAG Arbeit fordert mehr qualifizierende Förderung für Langzeitarbeitslose mit und ohne Migrationshintergrund
Arbeitsmarkt-Report Hessen, Ausgabe 1. Quartal 2026 – Arbeitsmarktsituation von Menschen mit Migrationshintergrund und ausländischer Staatsangehörigkeit in Hessen (AH Q1/2026).
Hier finden Sie den ausführlichen Arbeitsmarkt-Report als PDF
Die Autoren Stefan Feldens und Philipp Fuchs vom Institut für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik (ISG) geben im vorliegenden Bericht zunächst einen Überblick über die allgemeine Entwicklung des Arbeitsmarktes in Hessen. Der besondere Schwerpunkt dieser Ausgabe liegt auf der Arbeitsmarktsituation von Menschen mit Migrationshintergrund und ausländischer Staatsangehörigkeit in Hessen. Trotz Fortschritten sind Beschäftigungschancen und Arbeitslosigkeitsrisiken weiterhin ungleich verteilt. Dies liegt zumeist an fehlenden oder nicht anerkannten Qualifikationen, aber auch an persönlichen Lebensumständen. Besonders bei Frauen mit Migrationsgeschichte bleibt so wertvolles Potenzial ungenutzt. Der Report wird im Auftrag der LAG Arbeit in Hessen verfasst. Die genannten Daten beziehen sich, wenn nicht anders angegeben, auf Hessen. Häufig sind die dargestellten Entwicklungen in ihren Tendenzen nicht hessenspezifisch, sondern auch bundesweit zu beobachten. Im Folgenden fassen wir die aus Sicht der LAG wichtigsten Ergebnisse zusammen:
Kräftiger Zuwachs an sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit ausländischer Staatsangehörigkeit in Hessen
Zwischen Juni 2019 und Juni 2025 ist die sv-pflichtige Beschäftigung unter Ausländer:innen (+30,7 %) wesentlich kräftiger gestiegen als unter Deutschen (+0,4 %). Insbesondere bei Menschen aus den acht Asylherkunftsländern (+83,1 %) und der Ukraine (+439,6 %) sind ausgeprägte Zuwächse beobachtbar. Ausländer:innen trugen mit einem Anteil von 20,2 % substanziell zum hessischen Beschäftigungsgeschehen bei. Ihre Beschäftigungsquote ist jedoch nach wie vor niedriger als bei Deutschen (15- bis 65-Jährige im Juni 2025: 59,4 % gegenüber 64,8 %). Überdies sind Ausländer:innen wesentlich häufiger als Deutsche in instabilen, prekären und niedrig entlohnten Arbeitsmarktsegmenten tätig. (AH Q1/2026, S.1)
Anstieg der Arbeitslosigkeit und ausgeprägter Qualfikationsmismatch zwischen (Langzeit-)Arbeitslosen und offenen Stellen
Im gleitenden Jahresdurchschnitt zwischen März 2025 und Februar 2026 umfasste der Arbeitslosenbestand in Hessen insg. rund 207.400 Personen. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum nahm er um +5,3 % (bzw. +10.500 Menschen) zu, gegenüber 2018/2019 erhöhte er sich um +35,9 % (bzw. +54.800). Die Arbeitslosenquote belief sich im gleitenden Jahresdurchschnitt 2025/2026 auf 5,9 %.
Während die Zunahme der Arbeitslosigkeit im SGB II stark durch die fluchtgeprägte Zuwanderung von Menschen aus der Ukraine und anderen Ländern getrieben wird, geht der Anstieg der Arbeitslosigkeit im SGB III zuvorderst auf den Verlust an wirtschaftlicher Substanz zurück.
In den letzten Jahren nahm die Zahl arbeitsloser Ausländer:innen (+65,0 %) im SGB-II-Rechtskreis wesentlich kräftiger zu als die Zahl der Arbeitslosen mit deutscher Staatsangehörigkeit (+7,3 %). Im Vorjahresvergleich stellt sich die Situation hingegen anders dar: Die Arbeitslosenzahl stieg bei Deutschen stärker als bei Ausländer:innen (+3,6 % gegenüber +1,1 %). Bei 55,0 % aller Arbeitslosen des SGB-II-Rechtskreises handelte es sich 2025/2026 um Ausländer:innen. Gegenüber 2018/2019 nahm der Anteil um +10,7 Prozentpunkte zu.
Die Schwächephase am Arbeitsmarkt dauert mittlerweile fast vier Jahre an und ist zu einem Gutteil auf weiterhin ungelöste strukturell-wettbewerbliche Probleme zurückzuführen. Zudem ist die Funktionsfähigkeit des Arbeitsmarktes durch Qualifikationsmismatches beeinträchtigt: Während Betriebe überwiegend qualifizierte Arbeitskräfte für offene Stellen suchen, besitzen viele (Langzeit-)Arbeitslose keine formale (bzw. anerkannte) Berufsqualifikation. (AH Q1/2026, S.2f)
63 % der deutschen und 83 % der ausländischen Arbeitslosen im SGB II verfügen nicht über einen (anerkannten) Berufsabschluss
Die Mehrheit der Arbeitslosen des SGB-II-Rechtskreises verfügt nicht über einen Berufsabschluss (73,6 %), wobei zwischen Deutschen und Ausländer:innen nennenswerte Differenzen bestehen. Im Februar 2026 hatten 62,8 % aller deutschen und 82,5 % aller ausländischen Arbeitslosen keinen absolvierten, anerkannten oder nachweisbaren Berufsabschluss. Bei Geflüchteten aus den acht Asylherkunftsstaaten belief sich der Anteil sogar auf 93,1 %. Für ukrainische Geflüchtete liegen mittlerweile ebenfalls belastbare Daten vor. Etwa zwei Drittel aller Arbeitslosen aus der Ukraine fallen in die Kategorie „ohne Berufsabschluss“ (64,7 %). Problematisch sind die hohen Anteilswerte allen voran deshalb, weil das Arbeitslosigkeitsrisiko stark mit dem beruflichen Qualifikationsniveau zusammenhängt und sich der Großteil der offenen Stellen nicht an Un- und Angelernte, sondern qualifizierte Fachkräfte richtet. Aufgrund des qualifikatorischen Mismatches auf dem Arbeitsmarkt liegt in der Gleichzeitigkeit einer steigenden Arbeitslosigkeit und eines zunehmenden Fachkräfteengpasses kein Widerspruch. Angesichts des unverändert stark formalisierten, zertifikatsfixierten und segmentierten deutschen Arbeitsmarktes ist die Integration von unzureichend qualifizierten Arbeitslosen sehr herausfordernd. (AH Q1/2026, S.13 und 20)
LAG Arbeit fordert mehr qualifizierende Förderung für Langzeitarbeitslose mit und ohne Migrationshintergrund
Die soziokulturelle und -ökonomische Verschiebung der Bevölkerungs-, Beschäftigungs-, und Arbeitslosenstruktur Hessens (und Deutschlands) sollte mit gezielten Investitionen in das Humankapital und die Integration von Menschen mit Zuwanderungshistorie begleitet werden. Grundsätzlich bedarf es einer intensiven Förderung sprachlicher und beruflicher Kompetenzen, um den qualifikatorischen Mismatch auf dem Arbeitsmarkt zu reduzieren. Die bereits vorhandenen Potenziale der beruflichen Vorerfahrungen von Neuzugewanderten sollten dabei noch umfangreicher und unkomplizierter anerkannt und ausgeschöpft werden.